Wie der cosinuss° Im-Ohr-Sensor die Versorgung von Patient:innen in schwer zugänglichen Trümmerlagen verbessern kann

Erdbeben, eingestürzte Gebäude und schwer zugängliche Einsatzorte stellen Rettungskräfte vor besondere Herausforderungen. Gerade in solchen Situationen kann eine kontinuierliche Überwachung wichtiger Vitalparameter entscheidend sein, um Patient:innen auch unter schwierigsten Bedingungen bestmöglich zu versorgen.
Florian Reuter, Notfallsanitäter aus Wipperfürth und Mitglied des USAR-Teams von @fire – Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V., kennt diese Einsatzlagen aus erster Hand. Im Interview spricht er über die Arbeit in der Trümmerrettung, die Anforderungen der USAR-Medizin und die Rolle mobiler Monitoringtechnologien bei der Versorgung Verschütteter.

Über den Interviewpartner:
Florian Reuter, 35 Jahre, kommt aus Wipperfürth in Nordrhein-Westfalen. Als Notfallsanitäter ist er Teil des USAR-Teams von @fire (Urban Search and Rescue) und weltweit nach Erdbeben im Einsatz, um Menschen in Katastrophengebieten zu helfen.
Herr Reuter, Sie sind seit vielen Jahren im Rettungsdienst sowie in verschiedenen Bereichen der Notfallmedizin tätig. Können Sie uns etwas über Ihren beruflichen Werdegang erzählen und wie Sie zur USAR-Notfallmedizin gekommen sind?
Ich bin seit 2015 im Rettungsdienst tätig. Damals habe ich noch Rettungsassistent gelernt und mich später zum Notfallsanitäter weitergebildet.
Neben meinem Job im Rettungsdienst bin ich ehrenamtlich bei der Hilfsorganisation @fire aktiv. @fire stellt ein Such- und Rettungsteam, das weltweit nach Erdbeben zum Einsatz kommt. Als Teil des Einsatzteams beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit spezieller Medizin im Auslandseinsatz und habe diverse Zusatzausbildungen absolviert.
Eine besondere Herausforderung im Erdbebeneinsatz ist die USAR- Medizin. USAR steht für „Urban Search and Rescue“. Es geht also um die Versorgung von Patient:innen tief unter den Trümmern von eingestürzten Gebäuden.
Sie bringen Erfahrungen aus Rettungsdienst und Feuerwehr mit. Welche helfen Ihnen heute besonders bei Einsätzen im Bereich USAR?
Die umfangreiche Ausbildung zum Notfallsanitäter und meine jahrelange Einsatzerfahrung sind eine wichtige Grundlage, um auch im USAR Einsatz effektive Hilfe zu leisten. Im Auslandseinsatz sind Sprachbarriere, Klima, limitierte Ressourcen und die anstrengende und langwierige Arbeit eine besondere Herausforderung. Die speziellen medizinischen Techniken und Behandlungsstrategien kann man recht einfach erlernen, doch das wichtigste ist eine umfangreiche Ausbildung und Einsatzroutine, um vollumfängliche Notfallmedizin unter diesen Umständen leisten zu können.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen und Ihrem Team bei medizinischen Einsätzen in Trümmerlagen oder schwer zugänglichen Einsatzorten?
Treffen wir als @fire Team im USAR-Einsatz auf einen Patienten, ist dieser meist schon mehrere Tage unter dem Gebäude verschüttet. Der erste Kontakt wird mit unserer Teleskopkamera hergestellt. Hierüber können wir den Patienten begutachten, mit ihm kommunizieren und am langen Teleskopstab z.B. Wasser zukommen lassen. Erst wenn mit schwerem Gerät ein Zugang in die Trümmer geschaffen wurde, können wir den Patienten richtig untersuchen und behandeln. Bis zur Rettung kann es dann noch mehrere Stunden dauern, sodass wir den Patienten in den Trümmern lange betreuen und versorgen müssen.
Wie wichtig ist in solchen Szenarien eine kontinuierliche Überwachung von Vitalparametern – insbesondere in der Phase, bevor ein Patient/eine Patientin vollständig erreicht oder befreit werden kann?
Eine große Gefahr bei der Rettung von Patient:innen ist der Bergungstod. Unsere Patient:innen können durch Einklemmung oder lange Liegedauer oft ein “Crush Syndrom” entwickeln, welches bei der Rettung zu lebensgefährlichen Komplikationen führen kann. Aus verletzten, eingeklemmten Gliedmaßen werden bei der Befreiung Abbausstoffe in den Körper geschwemmt. Diese sorgen schnell für schwerwiegende Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen. Vor, während und nach der Rettung aus den Trümmern müssen daher die Vitalparameter kontinuierlich überwacht werden um z.B. auf eine Veränderung der Herzfrequenz sofort reagieren zu können. Eine kontinuierliche Überwachung kann in dieser Situation überlebenswichtig sein.

Dieses Foto entstand bei einem Lehrgang für technische Ortung und Rettung aus Trümmern, organisiert und durchgeführt von @fire. Bildrechte: @fire Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V.
Wie sind Sie auf die Monitoringtechnologie von cosinuss° aufmerksam geworden?
Ich habe einen Beitrag in den sozialen Medien gesehen und habe mir direkt Details zum Sensor herausgesucht und die Erfahrungsberichte im Blog gelesen. Nach einer Kontaktaufnahme kam schnell die Zusage, dass wir die Möglichkeit haben, den Sensor unter unseren speziellen Anforderungen zu testen.
Sie haben den cosinuss° Im-Ohr Sensor und die App im Rahmen eines Lehrgangs für technische Ortung in Trümmerstrukturen getestet. Können Sie beschreiben, wie das Testszenario aufgebaut war und welche Erkenntnisse Sie daraus gewonnen haben?
Auf einem Übungsgelände übten wir die technische Ortung von Verschütteten mit hilfe von Schallsensoren und verschiedenen Kamerasystemen. Geübt wurde unter anderem an einem Trümmerberg, welcher durch ein unterirdisches Rohrsystem begehbar ist. So kann eine versteckte Person mit unseren Ortungsgeräten realistisch lokalisiert und kontaktiert werden. Wurde unser Patient gefunden, haben wir ihn über die Kamera untersucht, Einklemmungen erkundet und Fragen gestellt. Wir konnten den Ohrsensor dem Patienten durch eine kleine Öffnung reichen und ihm die Selbstanlage erklären. Da der Sensor wie ein In-ear-Kopfhörer eingesetzt wird, kann er einfach selbst anwendet werden.
Parallel zum Kamerabild und der Kommunikation über ein Mikrofon konnten wir so auch die Vitalparameter überwachen. Außerdem konnten wir den Signalempfang aus den Trümmern nach Außen testen, indem verschiedene Winkel und Entfernungen zum Patienten simuliert wurden.
Welche speziellen Vorteile bietet aus Ihrer Sicht der Im-Ohr Sensor von cosinuss° bei der Versorgung und Rettung von Verschütteten?
Die größten Vorteile sehe ich in der einfachen Anlage, die auch von Patient:innen selbst durchgeführt werden kann, sowie das kabellose Arbeiten mit Überwachungsmöglichkeit aus sicherer Entfernung. Gerade in beengten Trümmerstrukturen bleibt man ständig hängen und die Rettung kann nicht immer super vorsichtig erfolgen. Auch Monitorkabel oder ein Fingersensor bleiben schnell hängen oder reißen sogar ab. Der cosinuss° Sensor sitzt fest im Ohr und wird zusätzlich durch den Helm des/der Patient:in geschützt.

Florian Reuter bei einem Lehrgang für technische Ortung und Rettung aus Trümmern, organisiert und durchgeführt von @fire. Bildrechte: @fire Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V.
Macht es einen Unterschied, wenn ein Sensor auch von den Patient:innen selbst angelegt werden kann?
Wie schon beschrieben, ist das in der USAR Medizin besonders hilfreich, ja. Oft kann der Patient oder die Patientin zuerst nur über eine kleine Öffnung oder ein Bohrloch des Kernbohrgerät erreicht werden. Mit unserer Teleskopkamera können wir mehrere Meter in die Trümmer eindringen und am Kamerakopf neben Wasser z.B. auch den Sensor befestigen. So ist ein frühzeitiges Monitoring möglich, ohne dass der Patient oder die Patientin verkabelt werden muss.
Wie wichtig sind in Ihrem Use Case die Größe und das Gewicht der verwendeten Monitoringtechnologie?
Die kompakte Größe ist ein wichtiger Faktor, wenn es um die Handhabung in den Trümmern und bei der Rettung geht. Der Sensor beeinträchtigt die Patient:innen nicht, er sitzt sicher im Ohr und ein Helm kann darüber getragen werden.
Welche Parameter sind aus Ihrer Sicht essentiell und welche würden Sie sich noch wünschen?
Mit den erfassten Parametern ist schon jetzt eine umfangreiche Überwachung möglich. Über die Pulsfrequenz und Sauerstoffsättigung kann die Kreislaufsituation und Atemeffizienz beurteilt werden. Die Körpertemperatur liefert ein wichtiges Feedback zu Maßnahmen des Wärmeerhaltes.
Wenn in Zukunft auch die Darstellung des Blutdrucks und eines einfachen EKG möglich ist, würde das den Ohrsensor zu einem universellen Monitoring Gerät machen und die klassische Monitoreinheit mit Kabeln in speziellen Einsatzsituationen ablösen.

Simulierte Überwachung eines Patienten mithilfe einer Kamera, Tablet und dem cosinuss° Monitoringsystem (während des Lehrgangs für technische Ortung und Rettung aus Trümmern). Organisiert und durchgeführt von @fire. Bildrechte: @fire Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V.
Wenn Sie an die Zukunft von Rettungs- und USAR-Einsätzen denken: Welche Rolle könnte die mobile Monitoringtechnologie von cosinuss° hier spielen?
Ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft bei Rettungsaktionen, aber auch in speziellen Einsatzsituationen wie MANV oder Verkehrsunfällen, der Ohrsensor zu einem festen Bestandteil des Patientenmonitoring wird. Als Zubehör zum C3 würde ich den Sensor schon jetzt im Rettungsdienstalltag einsetzen.
Aufgrund der vielen Vorteile kann sich diese Technologie bei allen USAR Rettungsteams etablieren und die schwierige Patientenversorgung in der Trümmerrettung wesentlich vereinfachen.