„Die innovative Monitoring-Technologie kann eine zusätzliche Sicherheitsebene schaffen und dazu beitragen, dass sich Einsatzkräfte sicherer fühlen.“

Die medizinische Versorgung bei CBRNe-Lagen (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear und explosiv) stellt außergewöhnliche Anforderungen an medizinisches Fachpersonal und erfordert neben klinischer Expertise auch höchste Aufmerksamkeit für Sicherheit und Koordination. Während sich die Notfallmedizin traditionell auf Patientinnen und Patienten konzentriert, ist die Sicherheit der Einsatzkräfte ebenso entscheidend – denn eine wirksame Versorgung kann nur gewährleistet werden, wenn das medizinische Personal geschützt bleibt. Dennoch wurde in risikoreichen, aber seltenen CBRNe-Lagen die kontinuierliche Überwachung von Einsatzkräften häufig vernachlässigt – trotz ihres erheblichen Potenzials zur Verbesserung von Sicherheit und Entscheidungsfindung.

Am 30. April 2025 bündelte CEDIMED Brüssel die Kräfte seiner klinischen Abteilung (UZ Brussel) und seiner Forschungsabteilung (Vrije Universiteit Brussel (VUB)), um im Rahmen einer dreitägigen Vorbereitungsschulung eine groß angelegte CBRNe-Simulationsübung in der Notaufnahme des UZ Brussel durchzuführen – mit einem innovativen Ansatz. Während der Übung wurden verschiedene Technologien, darunter das cosinuss° Patientenmonitoring, getestet, um ihren Mehrwert und ihre Akzeptanz sowohl für die Sicherheit der Einsatzkräfte als auch der Patientinnen und Patienten zu evaluieren.

Wir sprachen mit Evert Verhoeven, Assistenzarzt für Notfallmedizin am UZ Brussel, Forscher im Bereich Research on Emergencies and Disaster Management (ReGiDIM) und CBRNe-Trainer, über seine Erfahrungen in der Katastrophenmedizin, die Herausforderungen für medizinische Teams in potenziell kontaminierten Umgebungen und die Erkenntnisse aus dem Einsatz der cosinuss° Im-Ohr Sensoren während der Simulation.

Evert Verhoeven

Über den Interviewpartner:

Evert Verhoeven, MD, ist Facharzt für Notfallmedizin am Universitätsklinikum Brüssel (UZ Brussel). Er schloss 2010 sein Medizinstudium an der KU Leuven ab und absolvierte anschließend seine Facharztausbildung in Notfallmedizin (Abschluss 2016). Zusätzlich erwarb er den European Master after Master in Disaster Management (EMDM) und ist eng in die Katastrophenvorsorge am UZ Brussel eingebunden. Seine weiteren Interessensgebiete sind Ultraschall, Simulationstraining und allgemeine medizinische Ausbildung. Er ist Gründungsmitglied der Belgian Emergency Ultrasound Society (BEUS).

Evert Verhoeven, welche Rolle und Erfahrung haben Sie in der medizinischen Versorgung bei CBRNe-Lagen?

Ich bin am Universitätsklinikum Brüssel seit fast zehn Jahren tätig, hauptsächlich als Facharzt für Notfallmedizin. Mein früher Schwerpunkt lag im Katastrophenmanagement und in der Ultraschallausbildung, insbesondere in der praktischen Schulung des Personals.
Mein Interesse an der Katastrophenmedizin begann während meiner Ausbildung, insbesondere nach einem schweren Massenanfall von Verletzten infolge eines Unwetters beim Pukkelpop Festival in Belgien im Jahr 2011. Dieses Ereignis zeigte mir, dass Notfallmedizin nicht nur die Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten bedeutet, sondern auch das Management von Systemen, Patientenströmen und die bestmögliche Versorgung für möglichst viele Menschen umfasst.
Während meiner Ausbildung im Katastrophenmanagement war CBRNe meist nur ein kleiner theoretischer Bestandteil, und groß angelegte praktische Übungen waren selten, da sie organisatorisch sehr aufwändig sind.

Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptziele von CBRNe-Vorbereitungstrainings, wie etwa der jüngsten Simulationsübung an der VUB?

Das primäre Ziel ist weniger die medizinische Behandlung selbst als vielmehr Management, Koordination und Patientenfluss. CBRNe-Ereignisse erfordern ein völlig anderes Denken als gewöhnliche Notfälle oder klassische Massenanfall-Szenarien.
Krankenhäuser wie unseres müssen separate „schmutzige“, Dekontaminations- und „saubere“ Zonen einrichten und ihre Arbeitsabläufe entsprechend neu organisieren. Diese Szenarien erfordern deutlich mehr Personal und eine sorgfältige Organisation. Schulungen sind daher essentiell, damit das Personal kompetent handeln kann und sich im Umgang mit kontaminierten Patientinnen und Patienten sicher fühlt.

Welche zentralen Herausforderungen bestehen für medizinisches Personal bei der Behandlung in kontaminierter Umgebung?

Eine große Herausforderung ist die personelle Besetzung der Dekontaminationszone. Das Wissen um die Risiken kann bei Mitarbeitenden Unsicherheit auslösen. Da CBRNe-Ereignisse selten, aber mit hohem Risiko verbunden sind („high acuity, low occurrence“), verstärkt mangelnde Übung oft die Angst.
Mit angemessener Schulung im An- und Ablegen der Schutzanzüge wird die Umgebung jedoch vergleichsweise sicher. Eine weitere Herausforderung besteht darin, eine korrekte und rechtzeitige Behandlung sicherzustellen und gleichzeitig Personal und Patient:innen zu schützen. Symptome müssen schnell erkannt und Fehler unbedingt vermieden werden, da sie sowohl Opfer als auch Einsatzkräfte gefährden können.

Kommunikation und Koordination gelten als zentrale Probleme in CBRNe-Szenarien. Warum sind sie so kritisch?

Kommunikation ist bereits in der Katastrophenmedizin einer der größten limitierenden Faktoren und wird in Schutzanzügen noch schwieriger. Geräusche durch Filtersysteme und Wasser auf den PSA-Anzügen, eingeschränktes Hörvermögen und die erschwerte Bedienung von Funkgeräten machen klare Kommunikation anspruchsvoll.
Zudem muss die Kommunikation in beide Richtungen funktionieren: Teams in der „Hot Zone“ müssen Informationen an die Einsatzleitung weitergeben, während die Leitung den Gesamtüberblick behalten muss. Auch die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten ist erschwert, was deren Stress erhöht.
Zuverlässige, freihändige und sprachgesteuerte Kommunikationslösungen bleiben eine fortlaufende Herausforderung, bei der wir Fortschritte gemacht haben, bestehende Tools und Technologien jedoch weiterhin kritisch bewerten.

Welche spezifischen medizinischen Herausforderungen bestehen bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten nach Exposition gegenüber Gefahrstoffen?

Oberste Priorität hat die rasche Dekontamination, damit ein „sauberes“ Team die Behandlung sicher übernehmen kann. Viele Maßnahmen sind in voller Schutzausrüstung schwierig und zeitaufwendig. Daher sollten in der „Hot Zone“ nur lebensrettende Maßnahmen – etwa Atemwegssicherung oder Antidotgabe – durchgeführt werden.
Eine präzise Symptomerkennung ist entscheidend, um Fehlbehandlungen zu vermeiden, und der Eigenschutz der Einsatzkräfte hat jederzeit höchste Priorität.

Welche physiologischen Parameter der medizinischen Teams sollten kontinuierlich überwacht werden – und warum?

Traditionell gibt es kaum oder gar kein Monitoring von Personal in Schutzanzügen, obwohl deren Sicherheit entscheidend ist. Bisher dienen meist nur verbale Hinweise oder ein Zusammenbrechen als Warnsignal.
Angesichts der Bedeutung von Herzfrequenz und Körpertemperatur – insbesondere in Kombination – ist das Monitoring von Hitzestress und Erschöpfung für die Sicherheit essenziell. Dabei sind nicht nur Grenzwerte relevant, sondern auch Trends, um Einsatzkräfte rechtzeitig vor Erreichen gefährlicher Werte aus dem Einsatz zu nehmen.
Wir gehen davon aus, dass auch Atemfrequenz und Blutdruck zusätzliche Erkenntnisse liefern könnten, doch hierfür ist weitere Forschung erforderlich.

Während der Simulationsübung wurden cosinuss° Im-Ohr Sensoren eingesetzt. Wie war Ihr Eindruck?

Im Rahmen der Übung wurde das System zunächst testweise eingesetzt und noch nicht vollständig in die Abläufe integriert. Die Innovationsabteilung – unterstützt vom cosinuss° Forschungsteam – gab eine maximal fünfminütige Einführung, da sie von der intuitiven Bedienbarkeit überzeugt war. Nach der Einführung konnten alle die Sensoren problemlos tragen.
Die Daten zeigten einen klaren Mehrwert: Einige Einsatzkräfte erreichten sehr hohe Temperatur- und Herzfrequenzwerte. Obwohl dies während der Übung diskutiert wurde, zeigte das Debriefing, dass sie – trotz fehlender realer Gefahr – früher hätten abgezogen werden sollen.
Ein kontinuierliches Monitoring könnte Führungskräften in Echtzeit Einblicke in den Zustand der Einsatzkräfte geben, was in Schutzanzügen visuell schwer zu beurteilen ist. Für eine volle Wirksamkeit sollte das System direkt in operative Abläufe integriert werden und Entscheidern Echtzeit-Feedback liefern – daran arbeiten wir derzeit.

Wie wertvoll ist der kontinuierliche Einblick in Vitalparameter für Einsatzleiterinnen und -leiter?

Er ist äußerst wertvoll, da frühe Anzeichen von Erschöpfung oder Hitzestress erkannt und Einsatzkräfte rechtzeitig und sicher aus dem Einsatz genommen werden können. Die Beobachtung von Trends statt einzelner Messwerte ist dabei entscheidend. Dies schafft eine wichtige zusätzliche Sicherheitsebene und verbessert die Entscheidungsfindung im Einsatz.

Welche Vorteile bieten mobile und ultraleichte Monitoring-Systeme gegenüber traditionellen Methoden?

Bisher gab es kaum Möglichkeiten, Einsatzkräfte in Schutzanzügen zu überwachen. Leichte, tragbare Systeme wie der cosinuss° Im-Ohr Sensor ermöglichen eine kontinuierliche Überwachung ohne Beeinträchtigung der Arbeit und liefern wertvolle Sicherheitsdaten.
Sie sind insbesondere für das Personal hilfreich, da das Monitoring von Patientinnen und Patienten in der „Hot Zone“ häufig durch Umweltbedingungen und die Priorität der schnellen Dekontamination eingeschränkt ist.

Was kann durch eine kleine tragbare Monitoring-Lösung verbessert oder optimiert werden?

Wir sind überzeugt, dass sie einen erheblichen Beitrag zur Sicherheit der Einsatzkräfte leisten kann. Darüber hinaus liefert sie wertvolle Daten für Training und Einsatzplanung und hilft, Einsatzzeiten und Rotationszyklen zu optimieren. Zu diesem Thema werden wir in den kommenden Monaten ein Promotionsprojekt starten.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Einsatz der cosinuss° Technologie?

Die kontinuierliche Überwachung von Einsatzkräften hat ein klares Potenzial zur Verbesserung der Sicherheit. Die Übung zeigte, dass physiologisch gefährliche Werte erreicht werden können, ohne dass äußerlich offensichtliche Anzeichen bestehen.
Die Integration des Monitorings in operative Abläufe und die Nutzung von Echtzeit-Feedback für Entscheidungen würden die CBRNe-Reaktion erheblich verbessern.

Wie sehen Sie künftig die Rolle digitaler und tragbarer Medizintechnik bei CBRNe-Einsätzen?

Wearables können eine wichtige zusätzliche Sicherheitsebene schaffen und dazu beitragen, dass sich Einsatzkräfte sicherer fühlen und eher bereit sind, in gefährlichen Umgebungen zu arbeiten. Kontinuierliches Monitoring in Kombination mit adäquater Schulung und Backup-Systemen kann Hitzestress und kognitive Beeinträchtigungen verhindern und so Fehler bei kritischen Abläufen – etwa beim Ablegen der Schutzausrüstung – reduzieren.
Künftig werden digitale und tragbare Technologien voraussichtlich eine zentrale Rolle bei der Verbesserung der Sicherheit von Einsatzkräften und der Patientenversorgung spielen – insbesondere in Kombination mit Erkenntnissen aus anderen Disziplinen wie Feuerwehr und Militär.

Bildnachweis: Bildrechte erworben durch CEDIMED Brüssel

Author

  • Melanie Schade

    M.A. Kommunikationswissenschaft und Online-Marketing-Expertin mit Schwerpunkt auf Gesundheits- und Wissenschaftskommunikation. // M.A. Communication Studies and online marketing expert with a focus on health and science communication.

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